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Wer hat die längste Zunge?

Kleiner Tipp: Gene Simmons von KISS ist es nicht

Gene Simmons von der legendären Rockband KISSAnzeige ist dafür bekannt, seine Zunge oft und gern auf der Bühne zu präsentieren. Die Zunge des Stars ist auch zweifellos stattlich – für menschliche Verhältnisse. Im Vergleich zu einigen Tieren jedoch ist die menschliche Zunge – auch die von Gene Simmons – winzig.

Gene Simmons von Kiss (Foto: A. Cabello)

Die absolut größte Zunge der Welt hat der Blauwal

Blauwal (Foto: G. Smith)

Wenig überraschend hält das größte Tier aller Zeiten auch hier die Bestmarke: der bis zu 30 Meter lange und 200 Tonnen schwere Blauwal (Balaenoptera musculus). Über die Länge seiner Zunge waren keine wissenschaftlich fundierten Angaben zu finden. Verschiedene Quellen sprechen von drei bis hin zu sieben Metern. Aber selbst wenn man von „nur“ drei Metern ausgeht, ist sie damit die längste Zunge im Tierreich. Als gesichert gilt das Gewicht des Organs. Mit bis zu vier Tonnen1 verschaffte seine Zunge dem Blauwal einen Platz im Guinnessbuch der WeltrekordeAnzeige. Und das ist bei weitem nicht der einzige Eintrag des Meeresgiganten.

Blauwal im Größenvergleich (Grafik: T. Bjornstad)

In Relation zur Körpergröße deklassiert ihn eine Fledermaus

Genauer gesagt die ausschließlich in Ecuador heimische Röhrenlippen-Langnasenfledermaus (Anoura fistulata). Mit mehr als acht Zentimetern Länge bringt es ihre Zunge auf das Eineinhalbfache der Gesamtlänge des Tieres und ist damit – im Verhältnis zur Körpergröße – die längste Zunge aller Säugetiere. Sie dient der Fledermaus dazu, den begehrten Nektar, von dem sie sich ernährt, auch in tiefen Blütenkelchen noch zu erreichen.2 Leider existiert kein frei verwendbares Foto von dieser Art.

Der Spitzenreiter ist jedoch ein Reptil

Lappenchamäleon (Chamaeleo_dilepis) (Foto: C. Brück)

Um die längste Zunge aller Lebewesen zu finden, muss man allerdings über die Klasse der Säugetiere hinausblicken. Der absolute Champion ist nämlich eine Echse: Das Chamäleon. Oder besser: die Familie der Chamäleons. In Relation zur Körpergröße hat kein anderes Tier eine so lange Zunge wie das skurril aussehende Reptil. Einige Chamäleonarten weisen eine Zungenlänge von mehr als dem Zweieinhalbfachen ihrer Körperlänge auf. Dies gilt allerdings nur bei voller Ausdehnung, also in dem Moment, in dem das Organ hervorschießt, um Beute zu fangen. Wird die Zunge gerade nicht zur Jagd gebraucht, ist sie nämlich viel kürzer, da sie nicht aufgerollt oder gefaltet im Mund liegt, sondern elastisch ist wie ein Gummiband.3

Zungenschuss eines Chamäleons (Video: J. Surrey)

Die Chamäleonzunge ist nicht klebrig

Das Chamäleon kann seine Zunge blitzschnell auf ein entferntes Insekt „abschießen“ und dann mitsamt der Beute wieder einziehen. Entgegen der landläufigen Meinung ist die Chamäleonzunge jedoch nicht klebrig, sondern die Beute wird durch eine Art Saugnapf an der Zungenspitze festgehalten.

Chamäleonzunge (Grafik: G. A. Boulenger)

Über 200 Arten

Die Familie der Chamäleons umfasst mehr als 200 Arten und ist auf dem Afrikanischen Kontinent, in Westindien und Sri Lanka, auf der Arabischen Halbinsel, aber auch in Teilen Südeuropas zuhause.

Auch die Augen der Chamäleons sind außergewöhnlich

Da sie weit hervorstehen, erlauben sie der Echse einen nahezu vollständigen Rundumblick, was sowohl die frühzeitige Erkennung von Beutetieren als auch von Fressfeinden erleichtert. Zudem können die Augen unabhängig voneinander bewegt werden, wodurch sie noch schneller die Umgebung „scannen“ können. Hat das Chamäleon dann ein Insekt aufgespürt, wird es für den treffsicheren Zungenschuss mit beiden Augen fokussiert.

Lappenchamäleon (Foto: C. Brück)

Weiteres Kuriosum: Der Farbwechsel

Wie nur wenige andere Tiere, wie z. B. Oktopusse, können Chamäleons sehr rasch ihre Körperfarbe wechseln. Dies dient vor allem zur innerartlichen Kommunikation, aber auch zur Tarnung.

Perfekt getarntes Parsons Chamäleon (Calumma parsonii) (Foto: S. Wilson)

Warum lange Zungen für Tiere überlebenswichtig sein können

Die außergewöhnliche Länge der Zunge ist bei den meisten Tieren kein Zufall, sondern das Ergebnis einer langen evolutionären Anpassung an bestimmte Lebensräume und Nahrungsquellen. Arten, die ihre Nahrung nur schwer erreichen können, profitieren besonders von einem verlängerten Organ. So kann eine lange Zunge dabei helfen, Nektar aus tiefen Blütenkelchen zu lecken, Insekten aus engen Spalten zu holen oder Beutetiere aus größerer Entfernung zu ergreifen.

Ein bekanntes Beispiel ist der Große Ameisenbär (Myrmecophaga tridactyla). Seine schmale Zunge kann eine Länge von bis zu 60 Zentimetern erreichen. Da der Ameisenbär keine Zähne besitzt, ist er vollständig auf seine Zunge angewiesen. Mit ihr kann er tief in Ameisen- und Termitenbauten eindringen und innerhalb weniger Minuten Tausende von Insekten aufnehmen. Die Oberfläche der Zunge ist mit klebrigem Speichel bedeckt, sodass die Beutetiere daran haften bleiben.

Auch Schuppentiere nutzen eine ähnliche Strategie. Ihre langen, schmalen Zungen reichen bis tief in den Brustraum hinein. Dadurch können sie selbst schwer zugängliche Insektennester ausbeuten. Da Ameisen und Termiten in vielen Regionen ganzjährig verfügbar sind, hat sich diese Ernährungsweise für die Tiere als äußerst erfolgreich erwiesen.

Eine bemerkenswert lange Zunge besitzen außerdem verschiedene Spechtarten. Bei ihnen verläuft ein Teil des Zungenapparates nicht nur im Halsbereich, sondern zieht sich teilweise um den Hinterkopf herum. Dadurch kann die Zunge weit vorgestreckt werden, um Insektenlarven aus tiefen Bohrgängen im Holz zu ziehen. Gleichzeitig hilft dieser ungewöhnliche Aufbau möglicherweise dabei, die Belastungen abzufedern, die beim Hämmern auf Baumstämme entstehen.

Auch die Giraffe verfügt über eine beeindruckende Zunge. Sie kann bis zu 50 Zentimeter lang werden und ist dunkel gefärbt. Mit ihrer Hilfe zupft die Giraffe Blätter von Akazien und anderen Bäumen ab. Die dunkle Farbe könnte die Zunge zusätzlich vor intensiver Sonneneinstrahlung schützen, da das Tier täglich viele Stunden mit der Nahrungssuche verbringt.

Rekorde außerhalb der Säugetiere

Nicht nur Säugetiere und Chamäleons besitzen bemerkenswerte Zungen. Auch viele Amphibien sind wahre Spezialisten. Frösche und Kröten können ihre Zungen blitzschnell nach vorne schleudern, um Insekten zu erbeuten. Dabei erreichen sie Geschwindigkeiten, die gemessen an ihrer Körpergröße erstaunlich hoch sind. Die Zunge ist an der Vorderseite des Unterkiefers befestigt und klappt beim Beutefang nach außen.

Bei manchen Salamandern ist die Technik noch ausgefeilter. Einige Arten können ihre Zunge regelrecht herausschießen und Beutetiere aus mehreren Zentimetern Entfernung erfassen. Für ein kleines Amphibium entspricht dies einer beachtlichen Reichweite.

Die längste Zunge der Welt ist deshalb nicht nur eine Frage der absoluten Länge. Je nachdem, ob man das Gewicht, die tatsächliche Länge oder die Länge im Verhältnis zur Körpergröße betrachtet, ergeben sich unterschiedliche Rekordhalter. Der Blauwal dominiert bei den absoluten Maßen, während Chamäleons und bestimmte Fledermäuse bei relativen Vergleichen kaum Konkurrenz haben.

Fazit

Die Frage nach der längsten Zunge im Tierreich lässt sich nicht mit einem einzigen Namen beantworten. Die schwerste und wahrscheinlich auch längste Zunge besitzt der Blauwal. Im Verhältnis zur Körpergröße erreichen jedoch andere Tiere deutlich beeindruckendere Werte. Besonders Chamäleons und die Röhrenlippen-Langnasenfledermaus zeigen, dass evolutionäre Anpassungen zu erstaunlichen Rekorden führen können. Unabhängig vom jeweiligen Rekord erfüllen lange Zungen stets denselben Zweck: Sie verschaffen ihren Besitzern einen entscheidenden Vorteil bei der Nahrungssuche und damit beim Überleben.

Quellen:

1 Blauwale | Zahlen, Fakten & Vorkommen | WDC Deutschland. (2022, 15. Dezember). Whale and Dolphin Conservation Deutschland. https://de.whales.org/wale-delfine/wal-delfin-fakten/blauwale/#:~:text=Das%20Gewicht%20einer%20Blauwal%2DZunge,sechs%20bis%20acht%20

2 Fisher, R. (2006, 6. Dezember). The bat with the incredibly long tongue. newscientist.com. Abgerufen am 2. September 2021, von https://www.newscientist.com/article/dn10721-the-bat-with-the-incredibly-long-tongue/

3 Anderson, C. V. (2016). Off like a shot: scaling of ballistic tongue projection reveals extremely high performance in small chameleons. Scientific reports, 6(1), 1-9.

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