Die Tollwut oder die Angst vor dem Fuchs

Der Fuchs: Allgegenwärtig und Symbol der Tollwut

Rotfuchs (Vulpes vulpes) (Foto: C.B.)

Vor kurzem klingelte ein älterer Herr an meiner Haustür und sagte: „In Ihrem Garten läuft ein Fuchs herum. Sie müssen gleich den Jäger verständigen.“ „Warum?“, fragte ich. „Wegen der Tollwut natürlich. Wenn er Sie beißt, sind Sie so gut wie tot.“ Und dieser besorgte und sicher gut meinende Mann ist kein Einzelfall. Der in Deutschland ziemlich allgegenwärtige Rotfuchs (Vulpes vulpes) genießt in weiten Teilen der Bevölkerung einen ausgesprochen schlechten Ruf. Es ist nicht nur sein Image als Hühnerdieb, das ihn unbeliebt macht, sondern auch die Angst der Menschen vor Krankheiten, insbesondere der Tollwut. Wohl kein Tier wird hierzulande so mit der Tollwut in Verbindung gebracht wie der Fuchs.

Füchse haben oft nur wenig Scheu (Video: C.B.)

Was ist die Tollwut?

Die Tollwut ist eine Krankheit, die von Viren aus der Gattung der sogenannten Lyssaviren verursacht wird. Sie ist in großen Teilen der Welt verbreitet und kann Säugetiere – also auch den Menschen – und seltener auch Vögel befallen. Infektionskrankheiten, die von Tieren auf Menschen übertragbar sind, bezeichnet man auch als Zoonosen.

Wie infiziert man sich mit dem Virus?

Das Virus wird durch den Speichel eines infizierten Tieres und daher fast immer durch einen Biss übertragen. Aber auch wenn der Speichel in eine offene Wunde oder auf eine Schleimhaut gelangt, besteht die Gefahr einer Ansteckung. Das reine Berühren eines Tieres, seines Blutes oder seiner Fäkalien hingegen führen laut Robert-Koch-Institut (RKI) nicht zu einer Übertragung.[1]

Wie verläuft die Tollwut?

Die Inkubationszeit, also die Zeit von der Infektion bis zum Auftreten erster Symptome, beträgt beim Menschen meist drei Wochen bis drei Monate, in seltenen Fällen nur Tage oder auch Jahre. Ein wesentlicher Faktor für die Dauer der Inkubationszeit ist die Entfernung der Eintrittsstelle zum Zentralnervensystem (ZNS), also Hirn und Rückenmark. Im ZNS vermehrt sich das Virus und wandert über das Periphernervensystem unter anderem in die Speicheldrüsen.[2] Die Symptome äußern sich oft zunächst in Hydrophobie (Angst vor Wasser), starkem Speichelfluss oder auch Muskelschwäche und Lähmungen. Meist sieben bis zehn Tage nach Beginn der ersten Symptome kommt es schließlich zu Atem- und Herzlähmung, Koma und schließlich zum Tod.[1] Vor allem bei den meisten Tieren werden die Symptome meist von hoher Aggressivität und Bissigkeit begleitet, was die Ausbreitung des Virus (Übertragung durch Biss) begünstigt. Laut RKI sind Infizierte bereits ca. zehn (Hunde, Katzen, Marder) bis 14 Tage (Menschen und andere Säugetiere) vor Auftreten der Symptome ansteckend[1].

Was, wenn man infiziert wurde?

Grundsätzlich verläuft die Tollwut bei ungeimpften Tieren und Menschen immer tödlich. Besteht der Verdacht, durch einen Biss infiziert zu sein, kann jedoch eine nachträgliche Impfung in zahlreichen Dosen über mehrere Tage erfolgen, die bei unverzüglicher Verabreichung zuverlässig schützt. Hat das Virus erst einmal das Zentralnervensystem erreicht, ist es dafür zu spät. Aber auch Geimpfte sollten bei Verdacht umgehend eine Auffrischungsimpfung erhalten, die allerdings aus weniger Dosen besteht.[1]

Wie hoch ist das Risiko einer Tollwutinfektion?

Tatsächlich war in den vergangenen Jahrhunderten der Fuchs bei uns der bedeutendste Verbreiter der Tollwut und die Angst vor ihm ist daher verständlich. Aber: Der letzte tollwütige Fuchs hierzulande wurde 2006 in Rheinland-Pfalz gefunden. Seit 2008 gilt Deutschland offiziell als tollwutfrei.[3] Genauer gesagt: Frei von terrestrischer Tollwut. Nur unter Fledermäusen kommt es weiterhin immer wieder zu Infektionen. Als ebenfalls tollwutfrei gelten auch die meisten anderen Länder Europas mit Ausnahme einiger osteuropäischer Länder, insbesondere der ehemaligen Sowjetrepubliken. Und so besteht nicht zuletzt durch die illegale Einfuhr ungeimpfter Hundewelpen aus diesen Ländern die Gefahr, das Virus nach Deutschland einzuschleppen. Viel problematischer jedoch ist die Situation in Asien und Afrika. Von den jährlich ca. 60.000 Todesopfern entfallen 95 % auf diese Kontinente. Überträger sind dort meist Hunde. Reisen auf diese Kontinente stellen also auch heute noch ein gewisses Risiko dar. Entsprechend war der letzte Mensch, der in Deutschland an der Tollwut gestorben ist, ein Reiserückkehrer aus Marokko im Jahr 2007.[1]

Sollte man sich impfen lassen?

Das RKI empfiehlt heute eine Tollwutimpfung nur für Reisende in Risikogebiete, insbesondere bei erwarteten vermehrten Tierbegegnungen oder längeren Aufenthalten. Ebenfalls empfohlen wird sie für die wenigen Menschen, die regelmäßig engen Kontakt zu Fledermäusen haben. Eine allgemeinere Empfehlung z. B. für Jäger, Förster oder Tierärzte gibt es nicht mehr.[1] Nach einem Tierbiss jedoch sollte man auch in Deutschland kein Risiko eingehen und sich vorsichtshalber impfen oder zumindest ärztlich beraten lassen.

Also muss man keine Angst vor dem Fuchs haben?

Was die Tollwut betrifft: nein. Dennoch sollte man zu ihm – wie zu allen wilden Tieren – Abstand halten. Zum einen um ihn nicht zu stören und nicht an uns zu gewöhnen, zum anderen weil er wie die meisten Tiere andere Viren, Bakterien und Parasiten übertragen kann, die für uns oder unsere Haustiere gefährlich sind. Nicht zuletzt kann sein Fell mit den Eiern des Fuchsbandwurms kontaminiert sein, die der Fuchs mit seinem Kot ausscheidet. Aber auch die Furcht vor diesem Parasiten wird oft übertrieben. An der durch den Fuchsbandwurm verursachten Infektion erkrankten im Jahr 2019 in Deutschland gerade einmal 25 Menschen[4].


[1] Tollwut RKI-Ratgeber. (2020, 13. November). rki.de. Abgerufen am 3. Mai 2022, von https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Merkblaetter/Ratgeber_Tollwut.html#:~:text=Der%20letzte%20identifizierte%20Tollwutfall%20bei,als%20frei%20von%20terrestrischer

[2] Muranyi, W. (2009). Lyssavirus. In Lexikon der Infektionskrankheiten des Menschen (pp. 498-501). Springer, Berlin, Heidelberg.

[3] Deutschland ist frei von Tollwut. (2008, 5. November). BMEL.de. Abgerufen am 6. Mai 2022, von https://www.bmel.de/DE/themen/tiere/tiergesundheit/tierseuchen/tollwutfreies-deutschland.html

[4] Radtke, R. (2022, 4. Mai). Erkrankte durch Fuchsbandwürmer in Deutschland bis 2019. de.statista.com. Abgerufen am 6. Mai 2022, von https://de.statista.com/statistik/daten/studie/581244/umfrage/erkrankte-durch-fuchsbandwuermer-in-deutschland/

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