Giftige Spinnen in Deutschland?

„Gibt es bei uns wirklich Giftspinnen?“ Wir schaffen Klarheit.

(Fast) alle Spinnen sind giftig

Bis auf wenige Ausnahmen verfügen alle Spinnen dieser Welt, also auch die in Deutschland vorkommenden, über Giftdrüsen. Das Gift wird aber nicht wie z. B. bei Bienen über einen Stachel injiziert, sondern über Beißwerkzeuge, die man bei Spinnen als Cheliceren bezeichnet. Dieses Gift, meist sind es Neurotoxine, dient vor allem zur Lähmung von Beutetieren, aber wenn nötig auch zur Verteidigung.

Also sind alle Spinnen gefährlich?

Natürlich nicht! Denn um gefährlich zu sein, muss eine Spinne zwei weitere Bedingungen erfüllen. Erstens muss sie in der Lage sein, mit ihrem Biss die menschliche Haut zu durchdringen, was in Deutschland nur sehr wenige Arten können. Zweitens muss ihr Gift in seinen biochemischen Eigenschaften und der injizierten Menge so wirkungsvoll sein, dass es den Menschen schädigen kann.

Selbst eine unserer größten heimischen Arten, die Gartenkreuzspinne (Araneus diadematus), vermag es aufgrund ihrer relativ kleinen Cheliceren, nur an Körperstellen mit sehr dünner Haut einen Menschen spürbar zu beißen. Und selbst dann ist die Giftwirkung so gering, dass Betroffene den Biss meist als vergleichbar mit einem Mücken- oder schlimmstenfalls Wespenstich beschreiben und nicht behandelt werden müssen1. Auch über Bisse der häufig in Häusern anzutreffenden Großen Winkelspinne (Tegenaria atrica) wird gelegentlich berichtet. Allerdings ist keiner der Berichte verifiziert und es wird lediglich von einem leichten Schmerz mit kurzzeitiger Hautrötung gesprochen.

Nur wenige Arten in Deutschland gelten als medizinisch relevant

In der Fachliteratur ist je nach Quelle von einer bis sieben Spinnenarten die Rede, deren Biss „nennenswerte Folgen“ haben kann2. Häufig angeführt wird dabei die Wasserspinne (Argyroneta aquatica), die durch ihre aquatische Lebensweise jedoch kaum mit dem Menschen in Kontakt kommt. Durch die Boulevardmedien ging jedoch in der jüngeren Vergangenheit eine andere Art: die mutmaßlich durch Pflanzenimporte von Madeira eingeschleppte Falsche Witwe (Steatoda nobilis), die den berüchtigten Schwarzen Witwen sehr ähnelt. Dabei handelt es sich jedoch (bisher) nur um einzelne Populationen in Gartencentern, in deren Klima sie sich offenbar wohlfühlen. Im Gegensatz zum wirklich sehr gefährlichen „Original“ ist ihr Biss jedoch harmlos und wird von Betroffenen meist mit einem Bienenstich verglichen.

Der Star unter den deutschen „Giftspinnen“

Doch wohl keine andere Art hat in den letzten Jahren soviel mediale Aufmerksamkeit bekommen wie der Ammen-Dornfinger (Cheiracanthium punctorium). Die bis zu 15 mm lange Spinne verfügt über kräftige Beißwerkzeuge und kann problemlos die menschliche Haut durchdringen. Die Bisswirkung wird als starker brennender Schmerz beschrieben, der recht weit ausstrahlen und einige Stunden, aber auch bis zu bis zehn Tage spürbar sein kann2.

Im hohen Gras zuhause

Der nachtaktive Ammen-Dornfinger baut keine Fangnetze, sondern jagt aktiv. Tagsüber verbergen sich die Tiere in etwa eigroßen, recht festen Gespinsten, die sie in hohem Gras oder Gestrüpp anlegen, und nur bei Störung verlassen. Dort legen sie im Sommer auch ihre Eier. Entsprechend ereignen sich im hüfthohen Gras auch die meisten Bisse. Insbesondere die Zerstörung der Gespinste z.B. bei Mäharbeiten sollte man vermeiden.

Zunehmende Ausbreitung in Deutschland

Der wärmeliebende Ammen-Dornfinger ist vor allem in mediterranem Klima zuhause, wurde aber bereits Ende des 19. Jahrhunderts auch in Deutschland nachgewiesen. In den letzten Jahrzehnten häuften sich – begünstigt durch den Klimawandel – die Funde dieser Art und auch die Fälle von gebissenen Menschen. Die jüngeren Schwerpunkte liegen dabei in Brandenburg, Sachsen und dem Saarland2.

Kein Grund zur Panik

Dennoch ist Hysterie unbegründet. Wie alle anderen bei uns lebenden oder eingeschleppten Spinnen, stellt auch diese keine lebensbedrohliche Gefahr für uns dar. Wenn der Biss auch alles andere als angenehm ist: Zu Folgeschäden oder gar Todesfällen ist es noch nie gekommen. Die Brasilianische Wanderspinne (Phoneutria nigriventer) oder die Sydney-Trichternetzspinne (Atrax robustus) spielen da in einer ganz anderen Liga. Doch selbst ihr Biss kann mittlerweile durch Seren wirkungsvoll behandelt werden, so dass Todesfälle immer seltener werden.

Vom Dornfinger gebissen – was nun?

Sollte man also tatsächlich vom Ammen-Dornfinger gebissen werden, empfiehlt sich wie auch bei den meisten Insektenstichen Hitze, da so die giftbildenden Eiweiße zerstört werden. Geeignet hierzu sind z. B. die bekannten elektrischen Mückenstifte. Vom Kühlen oder gar Aufkratzen der Bissstelle wird hingegen abgeraten. Da es an den betroffenen Gliedmaßen zu extremen Schwellungen kommen kann und auch allergische Reaktionen nicht auszuschließen sind, sollte man dennoch vorsichtshalber einen Arzt aufsuchen3.

Ideal ist es zudem, wenn man die Spinne zur sicheren Artbestimmung mitnimmt. Die Naturschutzbehörden und -verbände sind an jedem Fund des Ammen-Dornfingers sehr interessiert.

Quellen:

1 Informationszentrale gegen Vergiftungen, UKB, Bonn 2021

2 Muster, Christoph & Herrmann, Andreas & Otto, Stefan & Bernhard, Detlef. (2008). Zur Ausbreitung humanmedizinisch bedeutsamer Dornfinger-Arten Cheiracanthium mildei und C. punctorium in Sachsen und Brandenburg (Araneae: Miturgidae). Arachnologische Mitteilungen. 35. 13-20. 10.5431/aramit3502.

3 Nabu Brandenburg, Potsdam 2021.